Kassandra hat sich ein Tablet gekauft und spielt Tetris. – Unaufhörlich.

Spain, 23. November 2025

Die Asche fällt ihr mit der letzten Glut von der Kippe auf den Tisch. Sie merkt es nur, weil es einen Moment auf der Handoberfläche brannte. Sie nimmt die Asche auf. Mit ein klein wenig Spucke, so, wie sie es von der Mutter gelernt hatte. Finger befeuchten, behutsam die Asche berühren und auf dem Aschenbecker abwischen. Ihre Mutter wusste solche Dinge, auch wenn sie nie geraucht hatte.

Auf dem Pult bleibt dieser kleine schmuddelige Fleck. Aber sie steckt sich eine neue Zigarette an und spielt weiter vor ihrem Computer. Und während sie spielt, während sie dämliche Karte auf dämliche Karte klickt, kreieren ihre Gedanken einen Satz nach dem anderen. Geben ihrer Wut Raum. Und ihrer Trauer. Ihrer Ohnmacht. Ihrer Scham. Sie spürt sie nicht mehr. Sie denkt. Es denkt. Es formuliert. Und tut so nicht mehr so scheusslich weh. Alles, was sie am Morgen gelesen hatte. Artikel um Artikel. Alles, was sie hätte erledigen müssen. Ihr eigener Zustand. Der Zustand in der Welt.

Erleichterung bringt dieses Spielen. Dieses fortwährende Spielen. Sie will nicht gewinnen. Das Spiel muss auf eine bestimmte Art gewonnen werden. Sonst gilt es nicht. Also muss sie wieder beginnen. Bis sie so müde ist, dass sie aufsteht und es bis zum Sofa schafft. Sie könnte raus. Draussen scheint die Sonne. Es ist November. Sie könnte ans Meer. Raus! Laufen! Atmen! Schreien! Sie könnte aufs Velo steigen und einfach losfahren. Sie könnte in den Garten liegen und sich den müden Körper wärmen. Aber sie schafft es nur bis zum Sofa. Fernseher anstellen, damit sie einschlafen kann. Aber da läuft wieder eine Talkshow. Und sie kann nicht anders. Das ist ihre Bestimmung. Das ist ihr Elend. Sie muss zuhören. Da beschmeissen sie sich wieder mit diesen Worten. Mit klugen Worten. So tönen sie. Aber es sind leere Worte. Tag für Tag. Woche für Woche. Jahr für Jahr. Die meisten Journalistinnen und Journalisten haben verlernt zuzuhören. Haben verlernt zu fragen. Sie lassen reden. Und manchmal gefällt es ihnen, Öl ins Feuer zu giessen, damit es nicht friedlich wird.

Dann zappt sie weg. Von Sender zu Sender. Seichte Comedys. Seichte Krimis. Nachrichten. Wieder eine Talk-Show. Wieder Comedy. Spät in der Nacht dann gute Dokumentarfilme, meist unterlegt mit einem viel zu dramatischen Soundtrack. Wieder Nachrichten. Sie schaut kaum mehr hin. Hört zu, nervt sich über diese stetige Vergewaltigung der Musik, über nicht gestellte Fragen, über unnötige Fragen. Und während sie zuhört, spielt sie auf ihrem Tablet. Tetris. Unaufhörlich. Bis sie einschläft, wieder aufwacht und weiterschaut und weiterspielt. In die Nacht hinein.

Warum, denkt sie, zwischen einem Spiel und dem nächsten, warum wird Griechische Geschichte an Gymnasien gelehrt, warum kennt man sie, Kassandra? Wenn die Gesellschaften all die Jahrzehnte offensichtlich nichts daraus lernen wollen. Millionenfach rezipiert. Tausendfach in neue Geschichten, Essays und Theaterstücken variiert und interpretiert. Wenn kluge Menschen herunterbeten können, wer sie war, und ihr Geliebter, ihr Vater, ihre Mutter, ihr Vergewaltiger, Troja und der ganze Scheiss. Warum? Das Einzige, das es aus ihrer Geschichte zu lernen gibt, ist: Hört den Kassandrarufen zu. Nimmt diese Warnrufe wahr. Nehmt sie ernst. Geht ihnen auf den Grund. Lasst nicht einfach die Relativierer, Lügner und Erbsenzähler alles zerfleddern, bis wieder eine Katastrophe geschieht.

All diese Katastrophen, all diese Kriege, all dieses Sterben, all dieses Leiden, das neues Leiden generiert. Bis nach Jahrzehnten HistorikerInnen zeigen, dass es sehr wohl Warnungen gab. Dass klar wird, dass alles ganz anders war. Bis klar wird, wer wann sehr wohl gelogen hatte. Dies, denkt Kassandra, dies wäre die genuine Aufgabe von Journalismus. Allen voran wären die Journalistinnen und Journalisten die, die genau dazu berufen sind. Zu fragen. Zu suchen. Zu übersetzen. Aufzudecken. Aber sie scheinen das nicht mehr zu wissen. Zu viele machen alles, nur keinen Journalismus.

Kassandra steckt sich eine weitere Zigarette an und spielt weiter. Weiter. Weiter. Bitte. Nicht weiterdenken. Nicht weiterfühlen. Diese Schwere. Diese Müdigkeit. Diese unaufhörliche Unruhe. Dieses Herzrasen. Sie sind viele. Kassandra weiss es. Wir sind viele. Viele, viele Kassandren. Und sie alle verbrennen schier innerlich. Sehen die nächste Katastrophe kommen. Wissen, dass die Katastrophe verhindert werden kann. Sie sehen zu, wie wieder viele auf die Strasse gehen. Zu Hunderttausenden sogar. Und sie wissen, was es heisst, auf die Strasse zu gehen. Dass da plötzlich die Erbsenzähler mitlaufen, dass da plötzlich ein Stein fliegt… und ein zweiter. Dass da plötzlich einer mitläuft, der eine Fackel trägt und eine Fackel wirft. Jetzt, erst jetzt sind die Kameras da. Halten auf die falschen Flaggen, halten auf die Fackeln, halten auf die fliegenden Steine. Jahr für Jahr das gleiche Spiel. Bis eine Bewegung aufgerieben ist, zerfleddert.

Es ist genug. Denkt Kassandra. Und spielt weiter. Entweder die lernen jetzt, denkt sie, jetzt, oder nach der nächsten Katastrophe. Dann schreiben ein paar Journalistinnen ein paar kluge Artikel über die Forschung der HistorikerInnen und wiegen ihre Köpfe ernst hin und her an klugen Talkshows. Und viele Menschen sitzen auf den Sofas und wiegen ihre Köpfe hin und her und diskutieren an der nächsten Kunstaustellung, nach der nächsten Lesung, nach dem nächsten Theaterstück, mit einem Glas Wein in der Hand, und wiegen ihre Köpfe bekümmert hin und her und sagen, dass sie ja doch nichts hätten tun können und dass man halt das Beste aus dem eigenen Leben machen müsse und teilen die Adressen ihrer Psychotherapeuten. Und gehen dann nach Hause. Leicht beschwipst. – Und viele und immer mehr meinen, ihre Leben in Gottes Hand zu legen. Der arme liebe Gott, der immer für alles herhalten muss.

Wie gut sie das kennt. Spielen! Spielen! Weiterspielen! Nicht denken. Nichts fühlen.

Aber das Spielen nützt nichts mehr. Zorn flammt auf. Denn die, die verrecken, sind immer die anderen. Es sind die Menschen in Armut, Menschen in anderen Ländern. Menschen in Kriegen. Mit so genannt korrupten Regierungen. Einzelne Politiker, die sich korrumpieren liessen. Denn auch die Korrupten sind immer die anderen. Einzelne Firmenchefs, die man absetzen kann. Einzelne ForscherInnen, die gelogen hatten. Man hat es nicht besser wissen können. Vorher. Nachher, sagen sie, nachher ist man immer gescheiter.

Aber wir wissen es besser. Es ist Zeit. Jetzt. Kassandra wirft das Tablet aufs Sofa. Es ist genug! Und wenn es zum Tausendsten Mal nichts nützt. Steh auf. Geh weiter. Sprich. Schreib. Schrei. Jetzt.