Spain, Juni 2022
Wer in nur 25 Minuten etwas darüber lernen will, was bei Corona schiefgelaufen ist und immer noch schiefläuft, kann dies mittels zweier Rundschaubeiträge des Schweizer Fernsehens SRF. Ein heilsamer Blick zurück auf die Schweinegrippe. Das sei 2009 eine ganz andere Situation gewesen, sagen viele VirologInnen und ihre Sekundanten – und die meisten Menschen nicken dazu mit ernster Miene.
Nur nein, es war nicht eine ganz andere Situation. Die beiden Sendungen von November 2009 und April 2010 zeigen dies sehr gut auf. Sie liegen nur vier Monate, aber gleichzeitig Welten auseinander.
Es lohnt sich, diese beiden Sendungen anzuschauen, damit einem ein Licht aufgeht. Was heisst Licht? Ganze Kronleuchter. Dann wundert einen vielleicht weniger, warum Tausende von Menschen den Corona-Massnahmen gegenüber skeptisch waren und es heute noch sind. Nein, das sind keine so genannten Verschwörungstheoretiker, sondern Menschen, die von den Halbwahrheiten und Skandalen genug haben.
Allem voran verstört folgende Frage: Warum haben die Leitmedien ausgerechnet den Arzt, der 2011 massgeblich daran beteiligt war, dass die grossen Fragen zum «Schweinegrippe-Flopp» mindestens vor den Europarat kamen, während der Corona Pandemie praktisch gänzlich zum Schweigen gebracht? Dr. Wolfgang Wodarg. Das war letztlich nur Wasser auf die Mühlen der wirklichen Verschwörungsphantasten, wenn ausgerechnet der Mann, der auf die offensichtlichen Mängel und Ungereimtheiten während der Schweinegrippe hingewiesen hatte, plötzlich ein gefährlicher Kurpfuscher sein soll. Das hätte Medienschaffenden bewusst sein müssen. Viele Menschen verfallen in Schnappatmung, wenn sie den Namen Wodarg nur schon hören, derart wurde dieser Mediziner in den Medien verteufelt.
Natürlich sind solche Momente dazu geeignet, mit Verschwörungstheorien noch mehr Unruhe in die Bevölkerung zu bringen. Das ist, was Demagogen lieben. Aber genau dafür wären die Medien da. Sie können dieses ungute Spiel mitspielen und die Bevölkerung in «Wir, die der Wissenschaft folgen und die anderen, die Dummen» teilen, oder sie könnten diesen Fragen aus der Bevölkerung nachgehen, wirklich nachgehen.
Diese Fragen sind bis heute nicht beantwortet. DAS ist das grosse Medienversagen. Und wir werden keinen Schritt weiterkommen, wenn JournalistInnen hier nicht endlich ihre Verantwortung wahrnehmen. Zeitenwende? Dazu braucht es vor allem eine Medienwende. Wenn es ein Sprichwort gibt, das Sinn ergibt: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht. Nein, JournalistInnen lügen in der Regel nicht, darum geht es nicht. Aber wenn JournalistInnen einfach das Mikrofon hierhin halten und dorthin und gerne aufnehmen, wo es grad am meisten stinkt, dann bekommen sie eine zeitlang allenfalls hohe Klickzahlen, aber sie sind auch mitverantwortlich, wenn das Publikum dabei nicht eigentlich informiert worden ist, sondern sich nur – je nach eigener Lebenserahrung – auf die eine oder andere Seite schlagen kann.
Ja, viele Menschen sind vergesslich, Constantin Seibt, der du sagst:
«Falls man am folgenden Tag nicht mit dem einverstanden ist, was man unter seinem Namen geschrieben hat, kann man als Journalist gnädigerweise in der Woche darauf das Gegenteil schreiben. Das Publikum hat ein schlechtes Gedächtnis. Niemand wird es merken.»
Du irrst: Viele sind vergesslich. Aber die, die es angeht, die direkt betroffen sind, vergessen nie: «Es ist Zeit daraus zu lernen, um es besser zu machen. Wenn nicht, diskreditiert sich die WHO selber und beim nächsten wirklich gefährlichen Virus wird sie niemand mehr ernst nehmen.» Das sagt die damalige Präsidentin der Gesundheitskommission des Europarates, die Schweizer Ständerätin Liliane Maury Pasquier am Schluss des zweiten Rundschau-Berichts von Serena Tinari im April 2010.
Zur Erinnerung: In Schweden erkrankten nach den Massenimpfungen mit Pandemrix bei der Schweinegrippe Hunderte von Menschen, vor allem Kinder, an der unheilbaren Krankheit Narkolepsie. Fürs Leben gezeichnet. Nicht nur in Schweden, auch in Finnland, Norwegen Irland und Deutschland, wo es hohe Impfquoten gab, erhoben Betroffene Klage. Meines Wissens ist aber Schweden bisher das einzige Land, das die Narkolepsie-Erkrankten entschädigt. Schweden zahlte Millionenbeträge. Dies könnte auch mit ein Grund dafür sein, dass die schwedische Regierung um einiges zurückhaltender gefahren ist, als andere Länder.
Darum nochmals: «Es ist Zeit daraus zu lernen, um es besser zu machen». Aber nicht nur die WHO hat nicht dazugelernt, sondern auch viele JournalistInnen. Wenn man die beiden Rundschau-Beiträge hintereinander anschaut, fragt man sich, warum die Verantwortlichen – in diesem Fall das Schweizer Fernsehen – um alles in der Welt während der Corona Pandemie nicht bewusster kommuniziert hat? Warum ihnen nicht klar war, dass die Menschen, die sich von der ganzen Panikmache bei der Schweinegrippe regelrecht verarscht fühlten, jetzt bei Corona nicht so ohne weiteres akkzeptieren, was ihnen von den Medien vorgesetzt wird? Warum? Es gäbe ein so einfaches Mittel: Hinstehen und sagen: «Damals habe ich mich tatsächlich geirrt und damals habe nicht gut genug hingeschaut, viele von uns haben kollektiv nicht richtig hingeschaut… oder wir haben nicht gut genug hinterfragt… jetzt aber gehen wir davon aus, das wir eine andere Situation haben…. das, mindestens das! Das ist, was auch Teil dieses Wandels werden muss: Eine Fehlerkultur. Nicht sich darauf verlassen, dass es das «Publikum» eh nicht merken wird, weil es vergesslich ist. In der Luftfahrt ist das eine Sache, die vor Jahrzehnten implementiert wurde, eine offene Auseinandersetzung mit gemachten Fehlern. Es ist höchste Zeit, dass eine Fehlerkultur auch in der Medienmaschinerie Einzug hält.
Darum zurücklehnen, Beiträge anschauen, lernen und dabei auch merken, dass Yesterday’s papers sehr wohl von Belang sind.
Rundschau vom 11. November 2009 zur Schweinegrippe
Rundschau vom 7. April 2010 zum abrupten Ende der Schweinegrippe